Freitag, 24. August 2012

Lange Arbeitszeiten drücken AT-Lohn unter Niveau von Tarifgruppe V


Wir haben nachgerechnet, was Ihre Stempelkarte wirklich wert ist. Von dem Ergebnis waren wir sogar selber überrascht: Vermeintliche Spitzenlöhne entpuppen sich als Mogelpackung, weil der Stundenlohn der "Außertariflichen« (AT) bei hohem Arbeitseinsatz massiv sinkt. So verdienen viele weniger als im Tarif möglich.

Vertrauensarbeitszeit, AT-Vertrag, zeitsouverän... Es gibt viele schöne Ausdrücke für den systematischen Arbeitszeitdiebstahl durch den Arbeitgeber. Wer mehr als in Tarifgruppe VI verdienen will (Jahresgehalt 49.500 €), muss bei WELTBILD üblicherweise die Stempelkarte abgeben. Mit der 37,5-Stunden-Woche ist es dann in aller Regel vorbei. Stattdessen wird 40, 45 oder sogar 50 Stunden pro Woche geschuttelt.

So haben wir gerechnet


Wir haben die Arbeitstage 2012 addiert und die im Jahr zu leistenden Arbeitsstunden errechnet (bei 37,5 Wochenstunden ca. 1.624 Stunden netto). Ausgehend vom Jahresgehalt haben wir dann den tatsächlichen Stundenlohn ausgerechnet (siehe Grafik).

Verrückt: Wer für 60.000 € Jahreseinkommen 45 Stunden die Woche arbeitet, erreicht gerade mal den Stundenlohn von TG VI (30,50 €). Wer 50 Stunden leistet, bekommt nur noch 27,70 €/Stunde: Das sind 60 Cent weniger als in TG V/3!

Wenn Sie selbst Ihren tatsächlichen Stundenlohn ausrechnen wollen, können Sie diese Formel benutzen:
Jahreseinkommen : (durchschnittliche Wochenarbeitszeit x 43,29333) = Stundenlohn, z. B. 55.000 : (45 x 43,29333) =  28,23 Euro pro tatsächlich geleisteter Arbeitsstunde.

Was tun?


Holen Sie sich Ihre Stempelkarte zurück! Die derzeitig gültige Betriebsvereinbarung zur Arbeitszeit in den kaufmännischen und kreativen Bereichen legt fest, dass "jeder einzelne Arbeitnehmer mit einer Frist von 1 Monat" seine Stempelkarte zurückfordern kann. Dazu reicht ein formloses Schreiben an die Personalabteilung. Dabei setzen Sie bitte den Betriebsrat auf Kopie.

Tariflohn ohne Zeiterfassung: Das geht gar nicht!


Für Tariflohn-EmpfängerInnen sieht die Rechnung noch schlechter aus: Wer z. B. in TG VI 45 Stunden/Woche arbeitet, verdient 5 € pro Stunde weniger, als ihm zusteht. Das Gehalt entspricht dann nämlich dem Stundenlohn von TG V/1 (25,50 €). Mit einem einzigen E-Mail können Sie Ihren Stundenlohn also um 20% erhöhen! Der Betriebsrat berät Sie gerne und unterstützt Sie aktiv bei der Rückkehr in die Zeiterfassung.

Was meinen Sie zu unserer kleinen Rechnung? Sind Sie zufrieden mit Ihrem Stundenlohn? Nutzen Sie die Möglichkeit, hier einen anonymen Kommentar zu hinterlassen. Wenn Sie diesen Artikel an andere KollegInnen weiterempfehlen wollen, klicken Sie einfach unten auf den kleinen Briefumschlag. Auch das funktioniert völlig anonym…

Kommentare:

  1. wer bei unserem chef seine stempelkarte zurückholt wird anschließend von ihm gemobbt und da macht die arbeit dann keinen spaß mehr... ein kollege von mir würde sich die stempelkarte so gerne holen, aber ihm wurde vom abeitungsleiter davon abgeraten, da der chef ihm gegenüber schon gesagt hat, dass er damit nicht einverstanden ist. natürlich könnte er da nichts gegen einwenden, aber mein kollege weiß genau, was ihm dann blüht. deshalb lässt er es lieber.
    Besser wäre, wenn alle Mitabrieter verpflichtend eine stempelkarte nutzen müssten.

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  2. jep, genau so ist es. wer sich ne stempelkarte zurückholt, gilt arbeitsscheu bzw. arbeitsunwillig.
    schön, wenn man die einfach per mail zurückfordern kann, aber in der Realität geht das nicht ganz so leicht. bei uns würden sich mehr Mitarbeiter, die in Tarifgruppe (!) V und VI sind, eine Stempelkarte holen, wenn sie sich dadurch nicht selbst das leben schwer machen!

    da muss ein einheitlich vertrag o.ä. her, der das regelt. Diese Tarifverträge, die nicht an Stempelkarte gebunden sind, sollten eh abgeschafft werden...

    So verzichte ich lieber auf 20% mehr Stundenlohn, um gegenüber meinem Vorgesetzten kein "falsches Zeichen" (O-Ton) zu setzen.

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  3. Krankhafte Ansichten bei Vorgesetzten.

    Wenn jemand schon deshalb als arbeitsscheu und arbeitsunwillig ( erinnert mich übrigens an Begriffe der Nazis ) betitelt wird weil er wegen seiner Familie nicht jeden Tag bis zum Maximum arbeiten will dann zeigt das welche Wert - und Moralvorstellungen in den oberen Etagen zu Hause sind. Vollkommen abnormal. Da frage ich mich dann auch ob das noch den Wertvorstellungen der katholischen Kirche entspricht. Eltern haben noch andere Aufgaben als nur das Geld heranzuschaffen. Leistung ist ok, doch das ganze muss ich in einem vernünftigen Rahmen bew, bewegen. Seriöse Arbeitsstudien besagen das ein Mensch maximal acht Stunden am Tag produktiv arbeiten kann. Darüber hinaus ist es dann nicht mehr produktiv. Es häufen sich Fehler durch Ermüdung. Warum werden solche Studien eigentlich nicht von den so supergescheiten Führungskräften gelesen. Diese Leute schaden durch ihre übertriebenen Leistungsvorstellungen eher dem Unternehmen. Wer durch zu viel Arbeit krank wird , der verursachte dem Unternehmen und der Gesellschaft hohe Kosten. Welch ein Wahnsinn tobt sich in deutschen Unternehmen aus??? Ist die Gesellschaft nicht schon krank genug. Ist die Natur nicht schon kaputt genug?
    Kolleginnen und Kollegen,
    euer höchstes Gut ist eure Gesundheit. Ohne die ist alles Geld wertlos. Das Plus an Verdienst müsst ihr dann für eure Genesung ausgeben. Daher längerfristig lieber etwas weniger verdienen aber gesund bleiben.

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  4. Erst einmal in eine höhere Tarifgruppe kommen, aber selbst das wird schon seit Jahren einem hier bei Weltbild mit nichts als Ausreden erschwert. Neueinstellungen mit weniger Know-How, bekommen mehr.
    Hier könnte der Betriebsrat auch was tun, aber was bisher getan wurde, war einfach nicht der Rede Wert.

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    1. Wer meint, er oder sie sei falsch eingruppiert, sollte sich vom Betriebsrat beraten lassen. Die Klage gegen die falsche Eingruppierung ist allerdings Individualrecht, sprich: man braucht eine Rechtsschutzversicherung oder lässt die Gewerkschaft das machen. Klar ist: Wer das Maul nicht aufmacht, kriegt gar nichts. Da kann dann der beste Betriebsrat der Welt nichts ausrichten!

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    2. Das hat mit einer falschen Eingruppierung nichts zu tun. Wer in unserer Abteilung die Stempelkarte abgegeben hat, bekam eine höhere Tarifgruppe (V statt IV) als "Zuckerl" und jetzt sind wir, die schön auf den BR gehört haben und unsere Stempelkarte nicht abgegeben haben eine Ohrfeige, denn die höhere Tarifgruppe bleibt bei den Kollegen und sie können trotzdem ihre Stempelkarte zurück haben, bei gleichbleibender Arbeit. Wo bleibt hier die Gerechtigkeit. Mich hat das auf jeden Fall dazu bewegt bei ver.di zu kündigen, denn es reicht mir das ich finanzell schon an der Tankstelle abgezockt werde, da brauche ich nicht noch einen BR bzw. ver.di dazu.

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    3. Die Beratung vom Betriebsrat, kann man sich getrost sparen (zu kündigen sei eine Möglichkeit)! Fakt ist, das gemachte Aussagen null Wirkung zeigten!
      Zur Gewerkschaft sage ich aus Erfahrung nie wieder! Das Geld ist in einer Rechtschutz oder beim Anwalt besser aufgehoben.

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    4. Liest sich bestimmt blöd, bin aba irgendwie hier froh zu lesen, dass ich nicht der einzige mit diesem Problem bin... habe in der Vergangenheit viel mit Chef, Perso und dem Betriebsrat diskutiert, nur leider kam es nie zu einem positiven Ergebnis :( werde gleich mal den Betriebsrat wieder anschreiben :) vielleicht hat sich was geändert.

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  5. was sollen die ehemaligen 450 leiharbeiter sagen ( weltbild rühmt sich 450 leiharbeiter fest ubernommen zu haben, aber schreibt nicht dazu das die leiharbeiter nur mit 70% der vollzeit übernommen wurden). wie soll damit jemand eine familie ernähren. das ist ein wahrlich kirchlicher arbeitgeber, ich schäme mich für weltbild.

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  6. Unabhängig von Eurer Info im aktuellen Picker haben ich und bisher zwei weitere Kollegen diese Woche die Karte beantragt, nachdem wir schon lange immer wieder drüber nachdenken und drüber reden. Wir sind in unserer Abteilung zum großen Teil in TG IV und V, also nix da mit VI oder AT. Ich hole mir die Karte jetzt aus Prinzip (Überstunden mache ich zum Glück eher selten), weil ich den Nichtstempelzwang in unserer Abteilung schlicht unanständig finde und hoffe, dass wir dadurch andere motivieren können, sich das auch zu trauen.

    Denn es ist so, dass zwar die meisten wissen, dass sie stempeln dürfen - aber blöd angeredet wird man halt dann. Aber wenn jemand ca. 70 Übertsunden aus "Vertrauensarbeitszeit" hat und dann gesagt bekommt, das könne eigentlich nicht in Freizeit abgegolten werden,allenfalls mal ein Tag, müssen halt künftig Fakten in Form der Stundenerfassung her.

    Es geht auch gar nicht darum, mal eine Wochenstunde mehr zu arbeiten ohne dass die erfasst wird. Es geht ja darum, dass die meisten kontinuerlich mehr arbeiten als bezahlt wird und das muss nicht sein!

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  7. unabhängig von dem allgemeinen thread hier. die kommentare machen mich neugierig.
    was für tätigkeiten, was für arbeitsfeld muss ich hier im hause erledigen, um in die gruppe V, VI oder AT zu kommen?

    meine kollegen mit "weniger" qualifikationen, absolut identischen und alltäglichen tätigkeiten sind in V, VI oder AT. meine wenigkeit mit IV, wurde bisher damit vertröstet, dass es aus sicht der personal und der gl führung nicht zu vertreten wäre mich höher einzustufen.

    was kann ich hier als einzelner ausrichten liebe verdi, lieber betriebsrat, liebe kollegen?

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    1. p.s.: oder kann ich mich aufgrund der jetzigen lage, damit glücklich schätzen in gruppe IV zu sein?

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    2. Ich bin zwar nicht im BR, aber wenn jemand die identischen Aufgaben erledigt, stehen die Chancen auf Höherstufung nicht schlecht. Da würd' ich mal beim BR vorbeigehen, die können dann versuchen, eine Höherstufung aufgrund der Vergleichbarkeit zu erreichen (so hab ich das auf der letzten Betriebsversammlung verstanden).

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    3. danke. genauso geht es mir auch.

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    4. Was du tun kannst? Ganz einfach: Hol' dir deine Stempelkarte zurück. Wenn alle das tun, löst sich das Problem von selbst. (Und es werden meines Wissens täglich mehr, die diesen Schritt gehen!)

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  8. Ich möchte mich dem 25.8. anschliessen und plädiere dafür, einheitlich die Stempelkarte für alle ohne Ausnahmen vorzuschreiben.
    Hat der Betriebsrat die Möglichkeit, das durchzusetzen ?

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  9. Der BR kann das versuchen. Gelingen wird es aber nur, wenn die Belegschaft hinter so einer Forderung steht. Setzt ein Zeichen und holt euch die Stempelkarten zurück. Je mehr das tun, umso geringer die Gefahr, dass mensch deswegen gemobbt wird. Apropos: Wenn jemand Nachteile dadurch erleiden sollte, dass er sein Recht aus der BV Arbeitszeit wahrnimmt, und sich seine Stempelkarte zurückholt, dann kann und wird der BR sofort etwas tun!

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  10. Was bei Weltbild so läuft ist meiner meinung nach Korrupt. Man muss nur seine Beziehungen spielen lassen , oder kann mir einer erklären wie ein ex- LEIHarbeiter zum Gruppenleiter ( TG 5 ) wird. Oder wie manch andere Kandidaten ohne Ahnung plötzlich Aufgaben übernehmen dürfen , die zuverlässige und langjährige Mitarbeiter nicht einmal hauch eine Chance darauf haben ! Fleiß, Wissen und zuverlässigkeit sollte belohnt werden , nicht das sogenannte ,, arsc*leck*en beim Vorgesetzen.

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  11. Diesem Kommentar kann ich nur vollkommen zustimmen. Ich würde nicht von Korruption schreiben sondern von groben Missständen, und großer Ungerechtigkeit, die einer fairen Leistungsgesellschaft entgegen stehen.

    Der BR ist für diese Fehlentwicklungen maßgeblich mitverantwortlich das weiß ich sicher.

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